Sozialökonomie Hamburg

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“Sozialökonomie in Hamburg – Abschied (von) der HWP” von Prof. Udo Reifner

Juli 07, 2012 By: UR Category: 01 News, 02 Allgemeines, 03 Sozialökonomie in HH

Am Montag, den 9. Juli 2012 18.00 Uhr fand in der Universität Von Melle Park 9 die Abschiedsvorlesung von Prof.  Udo Reifner statt.

Der Vortrag (download hier) beschäftigt sich mit der Geschichte der HWP und dem Inhalt von Sozialökonomie in einer persönlichen Sichtweise. Er hat das Interesse der Alumni-Organisation der Gesellschaft der Freunde und Förderer am Fachbereich Sozialökonomie gefunden, die zu einer Diskussion des Textes aufruft. In der aktuellen Version wurde die versäumte Korrektur nachgeholt und der Beitrag sprachlich überarbeitet.

Zusammenfassung

Die HWP und der Verfasser wurden im gleichen Jahr geboren, erreichen im nächsten Jahr die Al­tersgrenze und haben dabei die Hälfte der Zeit miteinander verbracht. Die HWP war für ihn nach den Erfahrungen mit dem Umfeld des Radikalenerlasses in West-Berlin ein Ausdruck von Liberali­tät und Toleranz mit der Möglichkeit einer wissenschaftlichen Diskussion in den Gesellschaftswis­senschaften, die Vielfalt ohne parteipolitische Gelübde möglich machte.

Die Umwandlung der HWP in eine Managementschule seit 2007 durch eine Personalpolitik, die Interdisziplinarität unmöglich machte, mit Strukturen, die der akademischen Freiheit diametral ent­gegengesetzt sind und Ressourcen einseitig verteilte, war möglich, weil die Fähigkeit der alten HWP aus ihren Erfahrungen zu lernen und selbstkritisch gemeinsam das zu verteidigen was sie auszeichnete, an ihren inneren Widersprüchen und der Selbstüberschätzung scheiterte.

Dabei hatte die HWP es nicht leicht, beruhte sie doch weitgehend auf Strukturen des sozialökonomischen Instituts der Universität Hamburg, das bereits in der Weimarer Zeit mit seinem dominierenden Anti-Kommunismus keine ausreichende Fähigkeit zur Abgrenzung von faschistischen Gemeinschaftsideologien hatte. Des­halb konnte dort der Vorläufer der Hamburger Universität von 1919, das alte Kolonialinstitut von 1908, wieder aufleben. Gleichzeitig konnten sich die gemeinwirtschaftli­chen Unternehmen z.T. mit identischem Personal so lange zu den Formen zurückentwickeln, die ih­nen die Deutsche Arbeitsfront verschafft hatte, bis sie in ihrer eigenen Korruption versanken und zusammenbrachen. Als Managerausbildung für die gemeinwirtschaftlichen Unternehmen war die Akademie für Gemeinwirtschaft daher in einer bewussten doppelten Kontinuität. Motoren waren Karl Schiller (Sozialökonomisches Seminar) und Erich Klabunde (Neue Heimat), die die Wirt­schaftspolitik der Hamburger SPD nach 1945 dominierten. Die Berufung ausschließlich in der NS-Zeit stark belasteter Professoren, die untereinander verbunden sich von den NS-nahen Einrichtun­gen in Königsberg, Straßburg und Hamburg/Kiel kannten, bedeutete daher nicht nur eine personelle und inhaltliche sondern auch eine praktische Kontinuität.

Die HWP hat es dann im Gefolge der 68-Bewegung geschafft sich hiervon zu emanzipieren. Sie hat eine Wirt­schaftswissenschaft entwickelt, die den umfassenden Aristotelischen Wirtschaftsbegriff von der gerechten Zusammenarbeit zur Erzielung eines gu­ten Lebens aller zurückgewann, Gemeinschaftsideologien durch Gesellschaftswissenschaften ersetz­t und damit Interdisziplinarität, Internationalität und Praxisorientierung erreicht. Die Bedingun­gen hierfür sind nicht mehr vorhanden. Der Fachbereich Sozialökonomie ist wieder zur Managementschule geworden. Die Re­duktion ihres Ansatzes auf den Zugang von Nicht-Abiturienten war nicht nur ein Zerrbild des Modells HWP sondern auch die Vorbereitung, sie überflüssig erscheinen zu lassen. Die Vorlesung zeigt Wege auf, wie mit einer historisch bewussten  Sozialökonomie in Hamburg oder anderswo die Erfolgsgeschichte, der der Verfasser seine wissenschaftliche Laufbahn verdankt, fortgesetzt wer­den kann.

Inhaltsverzeichnis des Handout

A. Berufsverbote und Akademische Freiheit – Mein Weg zur HWP 1981
B. Managementfakultät 2012

I. Betriebswirtschaft statt Sozialökonomie
II. Ressourcenverteilung
C. Aufstieg und Niedergang der HWP 16
I. Akademie für Gemeinwirtschaft und Politik (1948-1966)
II. Hochschule für Wirtschaft und Politik (1967-1987)
III. Hamburger Universität (1988-2013)
D. Was zeichnete die HWP aus? 40
I. Aristotelische Streben nach gutem Leben: Interdisziplinarität
II. Reflexion wirtschaftlichen Handelns: der Praxisbezug
III. Gesellschafts- statt Gemeinschaftsökonomie: Internationalität
E. Welche Sozialökonomie für den Fachbereich?  49
I. „Sozialökonomisches Seminar“ der Universität Hamburg
II. Staatswissenschaften und Nationalökonomie
III. Politische Ökonomie
IV. Sozialökonomie
V. Das HWP-Konzept
F. Sozialökonomie – 10 Thesen für einen Neubeginn  63

Thesen für einen Neubeginn

  1. Fachbereich: Der Fachbereich Sozialökonomie (HWP) führt die interdisziplinäre, praxis­orientierte und internationale Tradition der Hochschule für Wirtschaft und Politik (1970-1991) als Hochschule des zweiten Bildungsweges fort.
  2. Ziel: Auf der Grundlage eines umfassenden Begriffs von Wirtschaft sollen interdisziplinär geforscht und Studierende ausgebildet werden, die vor allem in wirtschafts- sozial- und rechtsberatenden Berufen, als Kontrolleure und Beobachter von Wirtschaft, in Presse und Politik, in gemeinnützigen Organisationen oder im Management von Unternehmen tätig sind.
  3. Untergliederung: Der Fachbereich gliedert sich in vier gleichgewichtige Fachgebiete VWL, BWL, Rechtswissenschaft und Soziologie. Er unterhält ein Bachelorprogramm mit dem Ab­schluss eines BA in Sozialökonomie. Es teilt sich in ein Grundstudium zur Einführung in das interdisziplinäre wissenschaftliche Arbeiten anhand von Lernprojekten sowie die ein­zelnen Disziplinen und das Hauptstudium zu speziellerem Forschen und Lernen ein, das auch propädeutische Fächer zur Kompensation von Nachteilen des zweiten Bildungsweges anbie­tet. Die Masterprogramme bauen auf dem Bachelorstudium auf.
  4. Studieninhalte: Die Studiengänge orientieren sich an zwischen den Fachgebieten bestimm­ten Praxis- und Erkenntnisbereichen, die ausreichend repräsentativ und berufspraktisch rele­vant sind sowie ein interdisziplinäres Herangehen erfordern. Im Bachelor betrifft dies die Bereiche Arbeit und Personal, Markt und Konsum, Staat und Politik, für die weitere Präzi­sierungen möglich sind. Arbeitsrecht und Verbraucherschutzrecht sollen die Verbindung zwischen marktwirtschaftlichen Möglichkeiten und sozialen Zielen in der Wirtschaft ver­deutlichen.
  5. Lehre: Die Lehre in Vorlesungen zur Vermittlung der Inhalte der wissenschaftlichen Diszi­plinen wird durch Professoren sowie wissenschaftliches Personal erbracht, das sich für diese Disziplinen in Forschung und Lehre besonders qualifiziert hat und deren Eignung geprüft wurde. Die Professoren werden durch eine angemessene Anzahl von Assistenten unterstützt, die vor allem Gelegenheit zur interdisziplinären Forschung erhalten.
  6. Forschung: Jedes Fachgebiet wählt einen Sprecher und einen Forschungsbeauftragten. Die Forschungsbeauftragten bilden den interdisziplinären Forschungsrat, der Sorge dafür trägt, dass Lehre und Forschung den interdisziplinären Ansprüchen der Sozialökonomie gerecht werden.
  7. Autonomie: Der Fachbereich verwaltet sich innerhalb der Universität (und der Fakultät) sel­bst. Er bestimmt Fachbereichsrat und Vorsitzenden. Stellenausschreibungen und Besetzun­gen gehören zu seinen Aufgaben. Bei Beteiligung Dritter muss gewährleistet sein, dass dabei der spezifisch interdisziplinäre Anspruch des Fachbereichs in Auswahl und Kompetenz be­rücksichtigt wird.
  8. Schwerpunktbildung: Die Studierenden können innerhalb des bestehenden Lehrangebots wählen. Dabei sollen praxisrelevante sachliche Schwerpunktbereiche gebildet werden. Die fachliche Zusammensetzung der Lehre ergibt sich aus den Studienplänen für den sachlichen Schwerpunktbereich.
  9. Praxis: Das Studium soll aktiv Praxiserfahrungen der Studierenden einbeziehen und dafür Sorge tragen, dass über Praktika alle Studierenden solche Erfahrungen machen können. Die beruflichen Zielbereiche werden in Einführungsveranstaltungen unter Einbeziehung von Praktikern dargestellt. Der Fachbereich bildet einen Beirat, dem die Alumni-Organisation GdFF sowie gesellschaftliche Gruppen nach dem Modell der Rundfunkräte angehören sol­len. Der Beirat gibt einen jährlichen Bericht über die Erreichung der Ziele.
  10. Internationalität: Das Studium ist international ausgerichtet. Es strebt Doppelabschlüsse mit ausländischen Universitäten an und ermöglicht insbesondere ausländischen Studieren­den und Migranten das Studium durch Zulassungsquoten und adäquate sprachliche und in­haltliche Angebote.

Schluss

Die HWP hat eine Fortsetzung verdient. Sie darf allerdings keine reine Rückkehr zur alten HWP sein. Sie muss weder in der WiSo-Fakultät noch überhaupt in der Universität Hamburg verortet blei­ben. Für den Neubeginn der HWP muss es eine politische Initiative von außen geben. Hierbei soll­ten DGB, Verbraucherzentrale Hamburg, Hans-Böckler-Stiftung, Arbeitgeberverband, interessierte politische Parteien und GdFF beraten und diejenigen Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Studierenden der HWP zusammenwirken, die einen sozialökonomischen Ansatz befürworten. Ausstattung und Qualität erfordern eine begrenzte Anzahl von Studierenden. Durch Opt-Out des Überhangs von BWL-Professoren an den Fachbereich BWL, wo eine vollwertige Managementschule ihren Platz hätte, sollte eine angemessene Relation und der Ausgleich der Disziplinen erreicht werden.

Damit möchte ich mich von dieser Hochschule hier vertreten durch ihre hervorragenden engagierten Studierenden verabschieden und mich noch einmal für die Chancen bedanken, die die HWP mir eingeräumt hat. Ich werde ihr verbunden bleiben und meinen Rat und Hilfe allen anbieten, die diese Tradition gleichgültig in welcher Form und an welchem Ort kritisch fortsetzen wollen.

HWP/Sozialökonomie

März 05, 2012 By: UR Category: 01 News

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